
Psychosynthese - Kritik und Einordnung
Psychosynthese ist ein offener psychologischer Ansatz – und genau darin liegt sowohl ihre Stärke als auch ihre Angriffsfläche. Auf dieser Seite werden häufige Kritikpunkte benannt, eingeordnet und in ihren Grenzen wie auch in ihrer Berechtigung ernst genommen.
Welche Bedenken gibt es gegenüber Psychosynthese?
Wie bei allen psychologischen Ansätzen gibt es auch gegenüber der Psychosynthese kritische Stimmen. Teilweise hat ihr Begründer Roberto Assagioli selbst auf diese Einwände reagiert, teilweise ergeben sie sich aus späteren Entwicklungen und dem heutigen Anwendungskontext. Kritik zu benennen ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern ein notwendiger Bestandteil fachlicher Weiterentwicklung.
Gefahr der Beliebigkeit
Eine häufige Kritik an der Psychosynthese lautet, sie sei zu offen und dadurch beliebig. Assagioli selbst formulierte diese Spannung sehr klar:
„Die Grenze der Psychosynthese ist, dass sie keine Grenzen hat. Sie ist zu umfangreich, zu umfassend. Ihre Schwäche ist, dass sie zu viel akzeptiert. Sie sieht zu viele Seiten gleichzeitig – und das ist ein Nachteil.“
(Interview, 1974)
Tatsächlich kann ein offener Ansatz problematisch werden, wenn er ohne klare Haltung, Ausbildung und Verantwortung angewendet wird. Psychosynthese gibt bewusst keine festen Weltbilder oder normativen Lösungen vor. Ihre Grundannahme ist, dass Orientierung und Weisheit nicht von außen vorgegeben werden, sondern im Menschen selbst angelegt sind.
Diese Offenheit lässt sich nicht „grundsätzlich lösen“, ohne den Ansatz selbst aufzugeben. Sie verlangt jedoch ein hohes Maß an fachlicher Reife und Selbstreflexion in der Anwendung.
Ausbildung und Qualifikation
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Qualität der Ausbildung, insbesondere im deutschsprachigen Raum. Psychosynthese ist hier – anders als etwa in Italien, Großbritannien oder den USA – keine staatlich anerkannte psychotherapeutische Methode. Entsprechend ist die Bezeichnung „Psychosynthese-Berater:in“ rechtlich nicht geschützt.
Seriöse Ausbildungsinstitute und Fachverbände formulieren zwar hohe Anforderungen an Selbsterfahrung, Ethik und fachliche Qualifikation. Dennoch bleibt es wichtig, genau hinzusehen:
Wo wurde jemand ausgebildet?
Wie lange und in welchem Rahmen?
Besteht eine Anbindung an ein Fachinstitut oder einen Berufsverband?
Diese Fragen gelten allerdings nicht nur für Psychosynthese, sondern für den gesamten Beratungs- und Coachingbereich.
Nähe zu Spiritualität und Esoterik
Ein weiterer Vorwurf lautet, Psychosynthese bewege sich durch die Einbeziehung spiritueller Aspekte außerhalb wissenschaftlicher Psychologie. Diese Kritik ist vor allem vor dem Hintergrund unscharfer Begriffsverwendungen verständlich.
Assagioli selbst sprach bewusst von „transpersonal“ statt von „spirituell“. Damit ist nicht eine bestimmte Glaubensrichtung gemeint, sondern die Erfahrung, dass Menschen sich nicht auf ihre Persönlichkeit, Rollen oder Gewohnheiten reduzieren lassen. Das Transpersonale schließt die Person ausdrücklich mit ein – mit all ihren Ambivalenzen, Grenzen und Konflikten.
Psychosynthese macht keine Vorgaben darüber, wohin diese Erweiterung führt. Sie beschreibt Möglichkeiten der Wahrnehmung, nicht Inhalte des Glaubens. In Assagiolis Worten: Sie „öffnet Türen, geht aber nicht selbst hindurch“.
Wissenschaftliche Einordnung und Forschung
Der Vorwurf, Psychosynthese sei wissenschaftlich nicht fundiert oder unerforscht, ist nur teilweise zutreffend. Tatsächlich ist die Forschungslage im deutschsprachigen Raum begrenzt, was auch mit der fehlenden formalen Anerkennung als Therapieverfahren zusammenhängt.
International stellt sich das Bild differenzierter dar. In mehreren Ländern existieren Institute, Ausbildungsstätten und Fachpublikationen, die Psychosynthese weiterentwickeln und reflektieren. Auch in deutscher Sprache gibt es sorgfältig redigierte Zeitschriften und Fachbücher, die den Ansatz kontinuierlich diskutieren.
Eine zusammenfassende Einordnung
Psychosynthese ist kein geschlossenes System und keine standardisierte Methode. Ihre Stärke liegt in ihrer Offenheit, ihre Schwäche in der Gefahr unscharfer Anwendung. Ob sie verantwortungsvoll genutzt wird, hängt weniger vom Ansatz selbst als von Ausbildung, Haltung und ethischem Rahmen derjenigen ab, die mit ihr arbeiten.
Diese Seite versteht sich nicht als Verteidigung der Psychosynthese, sondern als Einladung zur differenzierten Betrachtung.

